Texte


Denkräume
Zu den »shaped photographies« von Esther Hagenmaier

Bereits mit der Wahl des jeweiligen Bildausschnittes reduziert Esther Hagenmaier ihre Motive, meist Architekturen, auf spannungsreiche formale Bezüge, verwirft in der Folge, was ihr als
unwichtig, als Ablenkung oder schlichtweg als uninteressant erscheint. In einem langsamen Prozess der Reduktion entfernt sie Bildpartien, schält versteckte Bezüge heraus – noch vorhandene Reste erzählerischer Fragmente fallen endgültig weg. Die Linie gewinnt an Bedeutung, Fläche und Form werden als eigenständige Akteure stark. Der Schatten, der immaterielle Mitspieler, gewinnt an spannungsreicher Kraft, bis er auf manchen Bildern raumprägend das Motiv dominiert. Die photographierte Architektur tritt zwangsläufig hinter ihr skelettiertes Extrakt zurück.
Für all das hätte die Künstlerin den Weg der digitalen Bildbearbeitung wählen können, hätte sozusagen klammheimlich am Rechner weg pixeln können, was ihr den Blick verstellte. Sie freilich hat eine radikalere, eine spannendere Methode entwickelt. Die Binnenstruktur von Beginn an so reduziert wie möglich, schneidet sie an den Außenkanten einfach weg, was ihr nicht zupass kommt.
Mit den Ergebnissen, die dieses höchste Präzision erfordernde Verfahren hervorbringt, hat Esther Hagenmaier eine künstlerische Form gefunden, die sich zwischen Photographie und skulpturalem Wand-Objekt bewegt. Sie sucht damit dem angestrebten Ziel möglichst nahe zu kommen: aus dem photographischen Bild ihre eigene Wahrnehmung zu destillieren.
Esther Hagenmaier erzeugt durch Beschneidung und Reduktion, durch Bescheidung könnt man fast sagen – Rückzugs-Räume für das Auge. Die Mauer als Grundelement jeder dauerhaften Architektur scheint wie ein Sinnbild tragfähiger Strukturen schlechthin. Die Konzentration aufs Wesentliche schafft Ruhe.
Die »shaped photographies« sind nicht gemütlich, sie bleiben anregende Denk- und Aufenthaltsräume.

Birgit Höppl, M.A.


 

ROLF SACHSSE
FELDARBEIT DER WAHRNEHMUNG
Drei Positionen im erweiterten Sehen des fotografischen Bildes

Esther Hagenmaier nennt ihre Arbeiten Bildraumobjekt, Flächenverbund oder Bildkörper, womit sie bereits eine Erweiterung des Mediums Fotografie thematisiert – oder einen Widerspruch: Wie die Malerei oder die Zeichnung ist die Fotografie zunächst eine Flächengestaltung, ein Bild nichts anderes als eine organisierte Materie auf einem Träger. Doch als Medium wirkt auch das Bild der Fotografie anders: Es schafft Raum. Bei Esther Hagenmaier weiß man allerdings nie so ganz genau, welchen Raum man gerade betrachtet: den des Bildes, den der Darstellung, den des Außen um das Bild und schließlich, den des Hervortretens vor der Wand, auf dem es hängt.
Aus der konstruktivistischen Malerei, die sie regelrecht und bei guten Lehrern studiert hat, übernimmt sie die shaped canvas, doch das shaped photograph kennt die Kunstgeschichte nur in der Collage, die dann fälschlicherweise auch noch Fotomontage heißt. Im Wortsinn collagiert wird auch bei Esther Hagenmaier, wenn sie ihre Bildstücke einzeln ausarbeitet und anschließend zusammenfügt. Das Resultat ist jeweils ein Bildobjekt, das dem Relief ähnlicher ist als einer Fotografie: Wo vorn, wo hinten ist, vor allem wo oben und wo unten sein mag, das entscheidet die Betrachtung, nicht die Künstlerin allein. Die berühmten Malregeln von Figur und Grund kehrt sie ganz konstruktivistisch in ihr Gegenteil, und auch das schräggestellte Kompositionskreuz eines Malevich ist ihr so wenig fremd wie die entfesselte Kamera eines Vertov. Nur: Die Bilder sind ganz ruhig, nicht in dem Sinn dynamisch, wie es die sowjetischen Revolutionäre wollten.
Bei alledem bleiben die Bilder von Esther Hagenmaier zumeist auch fotografisch, zeigen Ausschnitte der Welt. Bei ihr sind dies Architekturen, und im Laufe der Entwicklung ihres Œuvres wurden sie spezifischer, auch was die Mittel der Darstellung angeht. Wand- und Bodenstücke sind da zu sehen, gelegentlich von einem Schatten diagonal geteilt; Schatten und Bodenkanten bilden zudem gegenläufige Winkel. Wer sich in der modernen und spätmodernen Baugeschichte ein wenig auskennt, mag an den Betonwänden, ihrer Schalung und Begrenzung bereits erkennen, um welche Gebäude es sich handelt. Esther Hagenmaier ist in jüngerer Zeit mehr und mehr dazu übergegangen, lokale Bauten in ihre Arbeit einzubeziehen – wo sie ausstellt, schaut sie sich in der Umgebung um und nimmt Bauten in ihre Arbeit auf. Das ist in Kaunas nicht anders als in Budapest oder Ulm, und jedes Mal ist das Ergebnis überraschend, gleichzeitig abstrakt und konkret, funktioniert baugeschichtlich wie von der eigenen Erinnerung her. Wo sie ausstellt, ist sie auch da gewesen – ein fundamentales Paradigma der Fotografie, das die Künstlerin bei aller Abstraktion nie aufgibt.
Das wird sogar noch dann spürbar, wenn sie direkt in einen Raum eingreift und farbige Linien oder flächige Objekte darin positioniert; dann ist die Fotografie Garant des jeweiligen Blicks, kehrt also im Prozess die eigene Arbeit um, bleibt am Ende aber doch bei der Ineins-Setzung von Bild und Raum bestehen.

Was die drei Künstler*innen eint, ist nicht nur die Arbeit auf dem Feld der Medien – und sie arbeiten wirklich hart, perfekt wie ihre Werke sind. Einig sind sie sich in der Wirkung medialer Techniken, die sie an genau jener Stelle zu überwinden suchen, wo die Sprache versagt: im Moment der Wahrnehmung, jenem Schock, der von Charles Baudelaire bis Roland Barthes die Unverbrüchlichkeit und damit die Autonomie der Kunst garantiert hat. Unterschiedlich ist bei den dreien die Dauer dieser ursprünglichen, nicht mehr hintergehbaren Wahrnehmung: Esther Hagenmaier und Thomas Witzke reizen die Augen im ersten Moment, während Karen Irmer den langen Augenkontakt des Hinsehens braucht. Alle drei geben sich aber mit diesem ersten Blick nicht zufrieden, sondern erwarten, dass die Freude des Sehens zur Befriedigung der Erkenntnis führt. Karl Valentins Spruch Kunst ist schön, macht aber Arbeit bezieht sich in ihren Werken nicht nur auf das Machen der Künstler*innen, sondern auch auf uns, die wir die Werke betrachten – mehr kann Kunst nicht wollen.

Die Textpassage ist ein Auszug aus einem längeren Text und entstand anlässlich der Ausstellung
VISUAL FIELD /SICHTFELD  von Esther Hagenmaier, Karen Irmer und Thomas Witzke in der Kaunas Photography Gallery, Kaunas, Litauen, vom 26. 05. – 19.06.2016


Räume für den Blick
Zu den fotografischen Arbeiten aus der Werkgruppe „shaped photography“

Das Grundthema meiner künstlerischen Arbeit ist die visuelle Wahrnehmung von Raum und Fläche und die Darstellung von Raum im Bild. Mit dem Medium Fotografie entstehen Bilder, die das Sehen und die Wahrnehmung thematisieren.
Hierbei sind Licht und Schatten die primären Werkstoffe für mich.
Ausgangsmotiv der fotografischen Arbeiten ist meist Architektur. Architektur ist Form und Raum gewordenes menschliches Bewusstsein. Indem der Mensch Raum schafft, grenzt er sich von der Natur ab. An den Bauten einer Kultur kann man ihr Verhältnis zur Natur ablesen.
Durch Beschneiden gleiche ich das fotografische Bild meiner Wahrnehmung an: das Entfernen unwichtiger Partien aus dem fotografischen Bild ermöglicht das Verdichten und Verstärken von im Bild vorhandenen Bezügen. Dieser Vorgang entspricht einem Angleichen an das menschliche Sehen: wir fokussieren den als interessant erachteten Bereich und blenden dabei Unwichtigeres aus.
Gewollt verursachen diese Ausschnitte aus beleuchteter Architektur Irritationen in der räumlichen Lesbarkeit. Die Irritation ermöglicht – gleich einem Stolpern – das Überwechseln vom automatischen, unreflektierten Sehen zur bewussten Wahrnehmung.
Am Ende meines Arbeitsprozesses wird aus den Fotografien ein von Ort und Zeit losgelöstes Bild. Es hat sich vom reinen Abbild entfernt und ist zu einem Sehfeld für den Betrachter geworden.
Die freie Außenform bewirkt eine Öffnung des Bildes zum Umraum.
Am Bildinhalt werden von mir keine nachträglichen Veränderungen vorgenommen – die Verfremdung des Motivs findet lediglich durch die gezielte Wahl des Aufnahmestandpunkts und durch das Beschneiden statt.

Esther Hagenmaier, 2011


Abweichen erlaubt

Esther Hagenmaier in der Sulzburger Galerie Konkret

Konkrete Kunst mit Telefonanschluss zur Wirklichkeit? Eine, die dem Verdikt dieser Kunstrichtung, sich auf Reales zu beziehen, definitiv Lebewohl sagt? Eine Linie, eine Farbe, eine Fläche: Das Glaubensbekenntnis der Konkreten kann von der Realität absehen, weil, so Theo van Doesburg, ihr Stammvater, nichts wirklicher ist als die Genannten. Weil mit einer Linie, einer Farbe, einer Fläche selber eine Wirklichkeit eigener Art erschaffen werden kann, die so real ist wie – eine Frau, ein Baum, eine Kuh (van Doesburgs Wahl der Beispiele in seiner klassischen Reihung wäre eine eigene Betrachtung wert).

Wenn nun Esther Hagenmaier zwar durchaus mit Linie, Farbe und Fläche, aber erkennbar auch mit Elementen der Realität arbeitet, so ist das – im strengen Sinn vielleicht gar keine konkrete Kunst mehr? Aber auch die katholische Kirche hat sich im Lauf ihres Bestehens – hoffentlich! – gewandelt. Begriffe sind nicht aus Granit, sondern im Fluss wie das, was unter sie subsumiert wird. Und man wird sich daran gewöhnen müssen, dass konkrete Kunst gegenwärtig nicht nur so etwas wie eine Reform an Haupt und Gliedern durchlebt, sondern ihr Hoheitsgebiet erweitert.

Martin Wörn, der Galerist, der in seinem Ausstellungsraum in Sulzburg zurzeit Arbeiten von Esther Hagenmaier präsentiert, hält sich als Künstler streng an die klassischen Vorgaben, wie gerade jetzt in einer schönen Ausstellung im Haus der modernen Kunst in Staufen-Grunern zu sehen ist. Gleichzeitig bringt er die Toleranz auf, abweichende Positionen gelten zu lassen. Ja, er stellt sie zur Diskussion, indem er der „neuen Generation“ in einer eigenen Reihe in seiner Sulzburger Galerie Konkret ein Forum bietet. Die Künstlerin aus Ulm ist schon die Vierte im Bunde der Neuerer.

Hagenmaiers Medium ist, für konkrete Kunst ungewöhnlich, die Fotografie. Die Meisterschülerin von Sigurd Rompza lichtet Räume ab und Elemente von Architektur. Einen Balkon etwa, von unten gesehen und angeschnitten. Die plastische Form des ausschnitthaft abgebildeten Elements aber bringt sich in der Form der Arbeit selbst zur Geltung. „Shaped Photography“ nennt Esther Hagenmaier diese Art der Lichtbildkunst, die sich mit ihren eigenwilligen, geometrisch- verwinkelten Umrissen aus dem Bildgeviert herausschält. Im kompositorischen Zuschnitt nimmt das Reale mitunter selber Züge des Abstrakten an, indem es sich in Material für eine autonome Konstruktion verwandelt.

Umgekehrt gewinnt die fertige Komposition eine gegenständliche, dinglich-körperhafte Note; auch die Fotogramme der Schau, Assemblagen aus Dreiecksformen, täuschen nach Art eines Trompe l’oeil Dreidimensionalität vor. Gleiches geschieht in der Serie mit Cutouts, komplex verwinkelten Kompositionen, die dem Blick den festen Grund entziehen, auf dem er zur Ruhe zu kommen vermöchte, und ihn vielmehr in einen Irrgarten räumlicher Bezüge schicken.
Konkrete Kunst als beschauliche Geometrie, als erwartbare Immergleichheit – das, so dämmert uns hier, war einmal.

Hans-Dieter Fronz
Badische Zeitung, Freitag, 08. November 2013


shaped photography *

schneiden = befreien

Das fotografische Bild meiner Wahrnehmung angleichen: Die menschliche Wahrnehmung blendet Unwichtiges aus, im Gegensatz zur Abbildtreue der Fotografie.
Was auf meinen Bildern zu sehen ist, ist so da gewesen, gleich einem latenten Bild – mit meinem Tun lege ich Bildimmanentes frei und mache es sichtbar.

 

schneiden erlaubt
das Verdichten und Verstärken von im Bild vorhandenen Bezügen
eine teilweise Befreiung von der Abbildtreue der Fotografie
die Öffnung des Bildes zum Umraum

schneiden heißt,
die Fotografie nach ihr fremden Regeln behandeln und bearbeiten
die Begrenzung des rechteckigen Formates aufbrechen
bildnerische Kriterien über das Befolgen einer Konvention stellen
sich hinwegsetzen über Vorgaben, die die Technik macht

E.H. 2009

*

“ In Anlehnung an den Begriff „shaped canvas“ könnte man hier von „shaped photography“ sprechen: einer Art Fotografie, bei der Motiv und Ränder des Bildes zur Deckung kommen.“

Dr. Martin Mäntele