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Die Arbeiten Esther Hagenmaiers faszinieren durch ihren sehr spezifischen und eigenständigen Umgang mit dem Medium der Fotografie: Die Künstlerin verzichtet darauf, Fotografie im konventionellen Sinne als Dokumentationswerkzeug einzusetzen und nutzt ihre Kamera stattdessen dazu, die Grenzen des Mediums zu erweitern und ihre Möglichkeiten als bildgebendes künstlerisches Mittel auszuloten.
Ihre Motive sind der gebauten menschlichen Umwelt entnommen. Durch mit Akribie gewählte Perspektiven und einen konzentrierten Prozess des Wegnehmens und Reduzierens entfernt Hagenmaier gegenständliche Bezüge aus ihren Aufnahmen und löst sie aus den Konventionen des rechteckigen Tafelbildes. Auf Aludibond kaschiert, zitieren die unregelmäßigen Formen ihrer shaped photography den Stil der Hard Edge sowie die Tradition der Konkreten Kunst und erschaffen Werke, die zwischen Fotografie und skulpturalem Wandobjekt oszillieren.
Die Kombination von hoher Tiefenräumlichkeit und strengem Beschnitt erschweren die räumliche Lesbarkeit und irritieren den an ein hohes Maß von Eindeutigkeit gewohnten menschlichen Sehapparat. Einem Stolpern gleich, überführt diese Irritation die Betrachtung des Werkes vom automatischen, unreflektierten Sehen zur bewussten Beobachtung und gibt Anlass, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.
So verschafft Esther Hagenmaier ihrem Publikum Momente, die in der Schnelllebigkeit des heutigen Alltags, in dem das tadellose Funktionieren des menschlichen Körpers oftmals als Selbstverständlichkeit genommen wird, eine Rarität bedeuten.

Daniela Baumann, The Walther Collection


Denkräume
Zu den »shaped photographies« von Esther Hagenmaier

Bereits mit der Wahl des jeweiligen Bildausschnittes reduziert Esther Hagenmaier ihre Motive, meist Architekturen, auf spannungsreiche formale Bezüge, verwirft in der Folge, was ihr als unwichtig, als Ablenkung oder schlichtweg als uninteressant erscheint. In einem langsamen Prozess der Reduktion entfernt sie Bildpartien, schält versteckte Bezüge heraus – noch vorhandene Reste erzählerischer Fragmente fallen endgültig weg. Die Linie gewinnt an Bedeutung, Fläche und Form werden als eigenständige Akteure stark. Der Schatten, der immaterielle Mitspieler, gewinnt an spannungsreicher Kraft, bis er auf manchen Bildern raumprägend das Motiv dominiert. Die photographierte Architektur tritt zwangsläufig hinter ihr skelettiertes Extrakt zurück.
Für all das hätte die Künstlerin den Weg der digitalen Bildbearbeitung wählen können, hätte sozusagen klammheimlich am Rechner weg pixeln können, was ihr den Blick verstellte. Sie freilich hat eine radikalere, eine spannendere Methode entwickelt. Die Binnenstruktur von Beginn an so reduziert wie möglich, schneidet sie an den Außenkanten einfach weg, was ihr nicht zupass kommt.
Mit den Ergebnissen, die dieses höchste Präzision erfordernde Verfahren hervorbringt, hat Esther Hagenmaier eine künstlerische Form gefunden, die sich zwischen Photographie und skulpturalem Wand-Objekt bewegt. Sie sucht damit dem angestrebten Ziel möglichst nahe zu kommen: aus dem photographischen Bild ihre eigene Wahrnehmung zu destillieren.
Esther Hagenmaier erzeugt durch Beschneidung und Reduktion, durch Bescheidung könnt man fast sagen – Rückzugs-Räume für das Auge. Die Mauer als Grundelement jeder dauerhaften Architektur scheint wie ein Sinnbild tragfähiger Strukturen schlechthin. Die Konzentration aufs Wesentliche schafft Ruhe.
Die »shaped photographies« sind nicht gemütlich, sie bleiben anregende Denk- und Aufenthaltsräume.

Birgit Höppl, M.A.


 

ROLF SACHSSE
FELDARBEIT DER WAHRNEHMUNG
Drei Positionen im erweiterten Sehen des fotografischen Bildes

Esther Hagenmaier nennt ihre Arbeiten Bildraumobjekt, Flächenverbund oder Bildkörper, womit sie bereits eine Erweiterung des Mediums Fotografie thematisiert – oder einen Widerspruch: Wie die Malerei oder die Zeichnung ist die Fotografie zunächst eine Flächengestaltung, ein Bild nichts anderes als eine organisierte Materie auf einem Träger. Doch als Medium wirkt auch das Bild der Fotografie anders: Es schafft Raum. Bei Esther Hagenmaier weiß man allerdings nie so ganz genau, welchen Raum man gerade betrachtet: den des Bildes, den der Darstellung, den des Außen um das Bild und schließlich, den des Hervortretens vor der Wand, auf dem es hängt.
Aus der konstruktivistischen Malerei, die sie regelrecht und bei guten Lehrern studiert hat, übernimmt sie die shaped canvas, doch das shaped photograph kennt die Kunstgeschichte nur in der Collage, die dann fälschlicherweise auch noch Fotomontage heißt. Im Wortsinn collagiert wird auch bei Esther Hagenmaier, wenn sie ihre Bildstücke einzeln ausarbeitet und anschließend zusammenfügt. Das Resultat ist jeweils ein Bildobjekt, das dem Relief ähnlicher ist als einer Fotografie: Wo vorn, wo hinten ist, vor allem wo oben und wo unten sein mag, das entscheidet die Betrachtung, nicht die Künstlerin allein. Die berühmten Malregeln von Figur und Grund kehrt sie ganz konstruktivistisch in ihr Gegenteil, und auch das schräggestellte Kompositionskreuz eines Malevich ist ihr so wenig fremd wie die entfesselte Kamera eines Vertov. Nur: Die Bilder sind ganz ruhig, nicht in dem Sinn dynamisch, wie es die sowjetischen Revolutionäre wollten.
Bei alledem bleiben die Bilder von Esther Hagenmaier zumeist auch fotografisch, zeigen Ausschnitte der Welt. Bei ihr sind dies Architekturen, und im Laufe der Entwicklung ihres Œuvres wurden sie spezifischer, auch was die Mittel der Darstellung angeht. Wand- und Bodenstücke sind da zu sehen, gelegentlich von einem Schatten diagonal geteilt; Schatten und Bodenkanten bilden zudem gegenläufige Winkel. Wer sich in der modernen und spätmodernen Baugeschichte ein wenig auskennt, mag an den Betonwänden, ihrer Schalung und Begrenzung bereits erkennen, um welche Gebäude es sich handelt. Esther Hagenmaier ist in jüngerer Zeit mehr und mehr dazu übergegangen, lokale Bauten in ihre Arbeit einzubeziehen – wo sie ausstellt, schaut sie sich in der Umgebung um und nimmt Bauten in ihre Arbeit auf. Das ist in Kaunas nicht anders als in Budapest oder Ulm, und jedes Mal ist das Ergebnis überraschend, gleichzeitig abstrakt und konkret, funktioniert baugeschichtlich wie von der eigenen Erinnerung her. Wo sie ausstellt, ist sie auch da gewesen – ein fundamentales Paradigma der Fotografie, das die Künstlerin bei aller Abstraktion nie aufgibt.
Das wird sogar noch dann spürbar, wenn sie direkt in einen Raum eingreift und farbige Linien oder flächige Objekte darin positioniert; dann ist die Fotografie Garant des jeweiligen Blicks, kehrt also im Prozess die eigene Arbeit um, bleibt am Ende aber doch bei der Ineins-Setzung von Bild und Raum bestehen.

Was die drei Künstler*innen eint, ist nicht nur die Arbeit auf dem Feld der Medien – und sie arbeiten wirklich hart, perfekt wie ihre Werke sind. Einig sind sie sich in der Wirkung medialer Techniken, die sie an genau jener Stelle zu überwinden suchen, wo die Sprache versagt: im Moment der Wahrnehmung, jenem Schock, der von Charles Baudelaire bis Roland Barthes die Unverbrüchlichkeit und damit die Autonomie der Kunst garantiert hat. Unterschiedlich ist bei den dreien die Dauer dieser ursprünglichen, nicht mehr hintergehbaren Wahrnehmung: Esther Hagenmaier und Thomas Witzke reizen die Augen im ersten Moment, während Karen Irmer den langen Augenkontakt des Hinsehens braucht. Alle drei geben sich aber mit diesem ersten Blick nicht zufrieden, sondern erwarten, dass die Freude des Sehens zur Befriedigung der Erkenntnis führt. Karl Valentins Spruch Kunst ist schön, macht aber Arbeit bezieht sich in ihren Werken nicht nur auf das Machen der Künstler*innen, sondern auch auf uns, die wir die Werke betrachten – mehr kann Kunst nicht wollen.

Die Textpassage ist ein Auszug aus einem längeren Text und entstand anlässlich der Ausstellung
VISUAL FIELD /SICHTFELD  von Esther Hagenmaier, Karen Irmer und Thomas Witzke in der Kaunas Photography Gallery, Kaunas, Litauen, vom 26. 05. – 19.06.2016


DER RAUM IST EINE ILLUSION

Esther Hagenmaier fotografiert Architekturelemente und beschneidet diese Fotografien, um neue Bildräume zu generieren. Es entstehen sogenannte Bildraumobjekte oder Bildkörper, die die Grenze von flächiger Fotokunst und dreidimensionaler Skulptur auflösen. Licht und Schatten, Linie und Fläche sind die Gestaltungsmittel von Hagenmaiers geometrischen Kompositionen, mit denen sie die konkrete Kunst in die Fotografie überführt.

Zettel, Fotografien, Papierstreifen verschiedener Größe liegen kreuz und quer übereinander. Wirft man einen flüchtigen Blick auf die Tische in Esther Hagenmaiers Atelier, entsteht zunächst der Eindruck papierener Unordnung. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich das vermeintliche Durcheinander als Ordnungssystem. Die weißen Papierstreifen auf den Fotografien begrenzen, nehmen weg, legen Bildausschnitte fest. Auf diese Weise schält die  Künstlerin das für sie Wesentliche aus ihren Fotografien heraus.
Ausgangspunkt von Esther Hagenmaiers Arbeit ist stets die Architektur. Ihr Fokus liegt dabei auf architektonischen Ausschnitten, die sie mit der Kamera festhält. Die Detailaufnahmen unterwirft sie dann einem Prozess der Reduktion. Sie schneidet weg, was sie als überflüssig oder störend erachtet – fast einem bildhauerischen Arbeitsprozess gleich, bei dem Unwesentliches weggenommen wird, um zum Kern vorzudringen. Die ehemalige Meisterschülerin von Sigurd Rompza verweist in diesem Zusammenhang auf unseren Sehvorgang, der es erlaubt, Dinge zu fokussieren, scharf zu stellen und Nebensächliches aus dem Sehfeld auszublenden. „Es geht darum, die Fotografie meiner Wahrnehmung anzugleichen“, sagt die Künstlerin. Die Bilder zu beschneiden, ist so nur ein konsequenter Arbeitsschritt, der eine Konzentration ermöglicht. Eine Konzentration im Sinne einer Verdichtung, aber auch im Sinne einer gezielten Lenkung unserer Aufmerksamkeit. Der Zuschnitt der Fotografien erfolgt, sobald diese auf Aludibond aufgezogen sind, mittels Wasserstrahl – ein Vorgang, der eine große Präzision erfordert und von einer Schlosserei entsprechend den Vorgaben und im Beisein der Künstlerin umgesetzt wird.

Shaped photographies nennt die 1975 in Aalen geborene Künstlerin ihre beschnittenen Arbeiten und löst mit dieser Begrifflichkeit Assoziationen an die shaped canvases Frank Stellas aus. In den 60er Jahren begann der amerikanische Künstler mit der äußeren Form der Leinwand zu experimentierten und löste den rechteckigen Untergrund auf. Auch Esther Hagenmaier bricht mit der konventionellen Form der Fotografie zugunsten polygoner Formen mit teilweise spannungsreichen verwinkelten Umrissen. Die äußere Form der Arbeiten steht dabei in Korrelation zu den fotografierten Strukturen. Indem sie Winkel oder Schrägen wieder aufgreift, reagiert Hagenmaier auf bereits vorhandene Motive und lenkt unsere Wahrnehmung auf Bildimmanentes (form_03).
„Wie kann man die Ideen der konkreten Kunst fotografisch umsetzen?“ – diese Frage treibt die Künstlerin, die an der HBKSaar studierte, an. In der Folge entstehen Fotokompositionen, die das Wechselspiel geometrischer Formen thematisieren. Und doch bleibt bei Hagenmaiers shaped photographies im Gegensatz zur Grundidee der konkreten Kunst der Bezug zur Realität durch die Architektur stets bestehen.
Esther Hagenmaier präferiert Bauten mit einer klaren Formensprache. Ein Stipendium im schweizerischen Solothurn ermöglichte ihr die intensive Auseinandersetzung mit der Architektur Walter Förderers. Förderers komplett in Sichtbeton gestaltete Kirchen zeichnen sich durch zahlreiche Vor- und Rücksprünge aus und machen diese Sakralbauten zum prädestinierten Motiv für Hagenmaier (extraction_02). Denn das Spiel von Licht und Schatten, das durch diese Architekturelemente hervorgerufen wird, ist ein wesentliches Thema ihrer Arbeiten. Licht und Schatten funktionieren als Kompositionsmittel und definieren ein neues Bezugssystem. Die Auseinandersetzung mit dem Schatten als Gestaltungselement beschäftigte Hagenmaier bereits in ihrer Diplomarbeit und wird in ihren künstlerischen Arbeiten konsequent weiterverfolgt.

Bei vielen der shaped photographies dominieren Grautöne und Schwarz, die gelegentlich von Oberflächenstrukturen der fotografierten Motive durchzogen sind. Manchmal tauchen auch monochrome, etwa leuchtend blaue Flächen auf (faltung_01). Handelt es sich dabei um kolorierte Partien? Nein, denn das, was wir auf den Arbeiten Hagenmaiers sehen, ist stets ein Abbild der Wirklichkeit – die blauen Flächen sind Ausschnitte des Himmels. Doch es geht nicht darum, die Wirklichkeit abzubilden. Die Realität ist lediglich „Mittel zum Zweck“, um das Verhältnis von Fläche und Raum auszuloten und unsere Wahrnehmung zu hinterfragen. Losgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext lassen die fotografierten Motive keine eindeutige Orientierung zu. Größenverhältnisse sind unklar, oben und unten scheinen austauschbar, Vorder- und Hintergrund wechseln, Flächiges wird dreidimensional. Wir alle kennen die sogenannten Vexierbilder, die mit unserer Wahrnehmung spielen – mal sehen wir die Vase, mal die Gesichter; mal die Ente, mal den Hasen. Auch Hagenmaiers Arbeiten scheinen gelegentlich zu kippen, wodurch die strengen geometrischen Kompositionen fast etwas Spielerisches bekommen. So etwa bei Bildkörper 03. Wir sehen eine Arbeit, die sich in den Raum auszudehnen scheint, ohne einen Anhaltspunkt für eine Referenz auf die Realität. Dass es sich um die Untersicht eines Balkons einer Wohnanlage handelt, darauf wird der Betrachter wohl nicht kommen. Weit gefehlt, wer nun vermutet, dass sich Hagenmaier der Möglichkeiten der digitalen Montage bedient. Die Verfremdung erzielt die Künstlerin lediglich durch die spezifische Wahl ihres Aufnahmestandpunktes und die Beschneidung der Arbeit. Die Bildreduktion bedingt somit letztlich eine Bilderweiterung, oder besser gesagt, eine Bildraumerweiterung.

Die Illusion von Räumlichkeit erreicht Esther Hagenmaier ebenso mit ihren Fotogrammen (KT_03). Auch hier wählt sie den klassischen, manuellen Weg, der ein perfektes Arbeiten verlangt. Dazu setzt sie aus einzelnen ausgeschnittenen Dreiecken eine polygone Form zusammen. In der Dunkelkammer legt sie zunächst die komplette Form auf und entfernt dann nacheinander die einzelnen Dreiecke. Je nach Belichtungszeit erscheinen die Dreiecke in Schwarz, in verschiedenen Graustufen bis hin zu Weiß. Obgleich es sich bei den Arbeiten um flächige Kunstwerke handelt, wirken die Fotogramme doch wie skulpturale Objekte.

Neue Räume zu erschaffen und unsere Wahrnehmung zu hinterfragen, ist ein Leitgedanke, der sich durch das Oeuvre Esther Hagenmaiers zieht. Dieser Ansatz verbindet sich mit ihrer unglaublich präzisen Arbeitsweise und ihrem hohen ästhetischen Anspruch. Es gelingt ihr, vorgefundene Elemente aus der Architektur teilweise bis zur absoluten Abstraktion zu verfremden und damit die Ideen der konkreten Kunst zu einer eigenständigen fotografischen Position weiterzuentwickeln.

Simone Kimmel, 2019   publiziert in Edition Schwaben, 01/2019


Räume für den Blick
Zu den fotografischen Arbeiten aus der Werkgruppe „shaped photography“

Das Grundthema meiner künstlerischen Arbeit ist die visuelle Wahrnehmung von Raum und Fläche und die Darstellung von Raum im Bild. Mit dem Medium Fotografie entstehen Bilder, die das Sehen und die Wahrnehmung thematisieren.
Hierbei sind Licht und Schatten die primären Werkstoffe für mich.
Ausgangsmotiv der fotografischen Arbeiten ist meist Architektur. Architektur ist Form und Raum gewordenes menschliches Bewusstsein. Indem der Mensch Raum schafft, grenzt er sich von der Natur ab. An den Bauten einer Kultur kann man ihr Verhältnis zur Natur ablesen.
Durch Beschneiden gleiche ich das fotografische Bild meiner Wahrnehmung an: das Entfernen unwichtiger Partien aus dem fotografischen Bild ermöglicht das Verdichten und Verstärken von im Bild vorhandenen Bezügen. Dieser Vorgang entspricht einem Angleichen an das menschliche Sehen: wir fokussieren den als interessant erachteten Bereich und blenden dabei Unwichtigeres aus.
Gewollt verursachen diese Ausschnitte aus beleuchteter Architektur Irritationen in der räumlichen Lesbarkeit. Die Irritation ermöglicht – gleich einem Stolpern – das Überwechseln vom automatischen, unreflektierten Sehen zur bewussten Wahrnehmung.
Am Ende meines Arbeitsprozesses wird aus den Fotografien ein von Ort und Zeit losgelöstes Bild. Es hat sich vom reinen Abbild entfernt und ist zu einem Sehfeld für den Betrachter geworden.
Die freie Außenform bewirkt eine Öffnung des Bildes zum Umraum.
Am Bildinhalt werden von mir keine nachträglichen Veränderungen vorgenommen – die Verfremdung des Motivs findet lediglich durch die gezielte Wahl des Aufnahmestandpunkts und durch das Beschneiden statt.

Esther Hagenmaier, 2011


Abweichen erlaubt

Esther Hagenmaier in der Sulzburger Galerie Konkret

Konkrete Kunst mit Telefonanschluss zur Wirklichkeit? Eine, die dem Verdikt dieser Kunstrichtung, sich auf Reales zu beziehen, definitiv Lebewohl sagt? Eine Linie, eine Farbe, eine Fläche: Das Glaubensbekenntnis der Konkreten kann von der Realität absehen, weil, so Theo van Doesburg, ihr Stammvater, nichts wirklicher ist als die Genannten. Weil mit einer Linie, einer Farbe, einer Fläche selber eine Wirklichkeit eigener Art erschaffen werden kann, die so real ist wie – eine Frau, ein Baum, eine Kuh (van Doesburgs Wahl der Beispiele in seiner klassischen Reihung wäre eine eigene Betrachtung wert).

Wenn nun Esther Hagenmaier zwar durchaus mit Linie, Farbe und Fläche, aber erkennbar auch mit Elementen der Realität arbeitet, so ist das – im strengen Sinn vielleicht gar keine konkrete Kunst mehr? Aber auch die katholische Kirche hat sich im Lauf ihres Bestehens – hoffentlich! – gewandelt. Begriffe sind nicht aus Granit, sondern im Fluss wie das, was unter sie subsumiert wird. Und man wird sich daran gewöhnen müssen, dass konkrete Kunst gegenwärtig nicht nur so etwas wie eine Reform an Haupt und Gliedern durchlebt, sondern ihr Hoheitsgebiet erweitert.

Martin Wörn, der Galerist, der in seinem Ausstellungsraum in Sulzburg zurzeit Arbeiten von Esther Hagenmaier präsentiert, hält sich als Künstler streng an die klassischen Vorgaben, wie gerade jetzt in einer schönen Ausstellung im Haus der modernen Kunst in Staufen-Grunern zu sehen ist. Gleichzeitig bringt er die Toleranz auf, abweichende Positionen gelten zu lassen. Ja, er stellt sie zur Diskussion, indem er der „neuen Generation“ in einer eigenen Reihe in seiner Sulzburger Galerie Konkret ein Forum bietet. Die Künstlerin aus Ulm ist schon die Vierte im Bunde der Neuerer.

Hagenmaiers Medium ist, für konkrete Kunst ungewöhnlich, die Fotografie. Die Meisterschülerin von Sigurd Rompza lichtet Räume ab und Elemente von Architektur. Einen Balkon etwa, von unten gesehen und angeschnitten. Die plastische Form des ausschnitthaft abgebildeten Elements aber bringt sich in der Form der Arbeit selbst zur Geltung. „Shaped Photography“ nennt Esther Hagenmaier diese Art der Lichtbildkunst, die sich mit ihren eigenwilligen, geometrisch- verwinkelten Umrissen aus dem Bildgeviert herausschält. Im kompositorischen Zuschnitt nimmt das Reale mitunter selber Züge des Abstrakten an, indem es sich in Material für eine autonome Konstruktion verwandelt.

Umgekehrt gewinnt die fertige Komposition eine gegenständliche, dinglich-körperhafte Note; auch die Fotogramme der Schau, Assemblagen aus Dreiecksformen, täuschen nach Art eines Trompe l’oeil Dreidimensionalität vor. Gleiches geschieht in der Serie mit Cutouts, komplex verwinkelten Kompositionen, die dem Blick den festen Grund entziehen, auf dem er zur Ruhe zu kommen vermöchte, und ihn vielmehr in einen Irrgarten räumlicher Bezüge schicken.
Konkrete Kunst als beschauliche Geometrie, als erwartbare Immergleichheit – das, so dämmert uns hier, war einmal.

Hans-Dieter Fronz
Badische Zeitung, Freitag, 08. November 2013


shaped photography *

schneiden = befreien

Das fotografische Bild meiner Wahrnehmung angleichen: Die menschliche Wahrnehmung blendet Unwichtiges aus, im Gegensatz zur Abbildtreue der Fotografie.
Was auf meinen Bildern zu sehen ist, ist so da gewesen, gleich einem latenten Bild – mit meinem Tun lege ich Bildimmanentes frei und mache es sichtbar.

 

schneiden erlaubt
das Verdichten und Verstärken von im Bild vorhandenen Bezügen
eine teilweise Befreiung von der Abbildtreue der Fotografie
die Öffnung des Bildes zum Umraum

schneiden heißt,
die Fotografie nach ihr fremden Regeln behandeln und bearbeiten
die Begrenzung des rechteckigen Formates aufbrechen
bildnerische Kriterien über das Befolgen einer Konvention stellen
sich hinwegsetzen über Vorgaben, die die Technik macht

E.H. 2009

*

“ In Anlehnung an den Begriff „shaped canvas“ könnte man hier von „shaped photography“ sprechen: einer Art Fotografie, bei der Motiv und Ränder des Bildes zur Deckung kommen.“

Dr. Martin Mäntele