jura

SOLOTHURN _Journal de Voyage_ August bis Ende Oktober 2017

Impressionen vom Artist-in-Residence-Aufenthalt in Solothurn
// spezifisch und unspezifisch  // Architekturen,  Natur, Orte und Dinge

17. Oktober
Fahrt nach Hérémence im Wallis. Inmitten eines Bergdorfes auf über 1200 m baute Walter M. Förderer hier von 1968 – 71 die Kirche Saint Nicolas, die teilweise auch als sein ‚Meisterwerk‘ bezeichnet wird. Ich kenne das Gebäude aus vielen Abbildungen – und freue mich nun sehr, es ‚en réalité‘ kennenzulernen und dort zu fotografieren. Schon die Hinfahrt ist beeindruckend, bei Montreux geht die Autobahn ein Stück am Genfer See entlang – die Weinberge in Herbstfarben. Im Rhonetal atemberaubende Berge…und dann geht es ab Sion steil hinauf ins Val d’Hérens.
Erste Impressionen – morgen geht es  weiter. Ich bin besonders auf die Morgensonne mit ihren Schatten gespannt.
      


13. Oktober
Schon lange will ich zum Sportausbildungszentrum Mülimatt in Windisch (Brugg, Aargau) von Studio Vacchini Architetti fahren, das mich mit seiner Sichtbeton-Faltwerkstruktur fasziniert, seit ich es in einem Bildband entdeckt habe. Auf der Zugfahrt vorgestern fuhr ich dicht daran vorbei und dieser Anblick in natura hat mich in meinem Wunsch bestärkt. Ich starte in Solothurn morgens bei strahlendem Sonnenschein – ein herrlicher Herbsttag. Der aus dem Zug gesehene Sonnenstand gegen 10h schien mir sehr tauglich für meinen Zweck, auch wegen der Schattenbildung. Doch nach der ersten Viertelstunde auf der Autobahn beginnt starker Nebel. Ist der nur hier oder wird er sich halten? Umkehren? Er hält sich die nächsten 50 km. Ich bin froh, doch noch die Jacke eingesteckt zu haben und gehe einen Kaffee trinken. Um halb eins ist die Sonne da – nur der Lichteinfall ist nun natürlich ganz anders als um 10….Ich fotografiere dreimal mit zeitlichem Abstand. Merke allerdings, dass ich mit dieser Reihung derselben Form an der Fassade – so bestechend auch die erste visuelle Wirkung ist – fotografisch gar nicht so viel anfangen kann.
      


12. Oktober
Atelierbesuch bei Jean Mauboulès in Bellach (leider habe ich keine Fotos gemacht!)
Fotografieren in St. Klemenz (Bettlach) bei tiefem Nachmittagslicht mit Alpen
      


11. Oktober
Vormittags Treffen mit Zara Tiefert-Reckermann, die über Förderer publiziert hat. Dann Weiterfahrt zum Atelierbesuch bei Stefan Kauffungen, der zwischen Waldshut und Schaffhausen lebt und arbeitet. Seine Arbeiten sind mir das erste Mal in einer Gruppenausstellung bei Martin Wörn begegnet – unsere Arbeiten hingen dort über Eck nebeneinander. Aus Solothurn hatte ich Kontakt zu ihm aufgenommen. Im Atelier: Farbe! Ein klares System, Einfachheit der zugrundeliegenden Prinzipien, handwerkliche Präzision, daraus resultierend: Leichtigkeit –  fein austarierte Farbenergie – Form, Farbe, Raum. Doch obacht: die Objekte sind (räumlich) komplexer, als das Foto vielleicht denken lässt…
Ein schöner Einblick.

      
     


Sa + So, 07.+ 08. Oktober
Nun heisst es: die Ausstellung ‚hüten‘, die ja nur dieses Wochenende dauert. Ich habe zwar den Rechner zum Arbeiten dabei, da aber doch recht stetig Besucher und auch teilweise Bekannte vorbeikommen, füllt sich die Zeit mit Gesprächen und Begegnungen. Schön!
      

      


Das unterste Bild zeigt erste Entwürfe aus dem hier fotografierten Material,  die ersten beiden Bilder geben einen Einblick in die hier fotografierten Motive.

Fachpublikum (hier ein Architekt und ein Künstlerkollege) vertieft in Literatur zu Förderer und der Solothurner Architektur 1940-80.


06. Oktober
Vernissage meiner Ausstellung VERSCHIEBUNGEN im Künstlerhaus S11
einige Fotos und auch die Rede:       http://s11.ch/ausstellungen/programm/12-2017/?archiv


05. Oktober
Ich wollte Peter Bichsel (der hier in Solothurn lebt) noch zu meiner Ausstellung einladen. Man trifft ihn des öfteren in der Stadt. Die an ihn handgeschriebene Karte hatte ich drei Tage in meiner Tasche, begegnete ihm jedoch nicht. Deswegen hatte ich heute noch seine Adresse erfragt. Nach dem Abendessen raffe ich mich nochmal auf, steige ins Auto und fahre die 3 km. Es ist schon dunkel. Als ich in die Strasse einbiege, sehe ich ihn vor seinem Haus – gerade am Heimkommen. Ich stelle das Auto ab und spurte hin – stelle mich kurz vor, dass ich was abgeben möchte.  Da sagt er: ‚Na, dann kommen Sie doch kurz rein!‘ . So finde ich mich völlig unerwartet bei Peter Bichsel am Tisch, in dem Raum, den ich Fotos nach kenne (mein Vater hatte mir eine Reportage anlässlich Peter Bichsels 80. Geburtstages geschickt). Und er erzählt Geschichten zu einigen Bildern an der Wand…raucht… erzählt….raucht…  und als ich das Karussell am Fenster stehen sehe, steht er auf, deckt es ab, und macht es für mich an!
Wer noch Lust auf eine Bichsel-Geschichte hat:
https://www.schweizer-illustrierte.ch/gesellschaft/notabene/peter-bichsel-kurzgeschichten-kolumne-geburtstag


22. September: Ruine Balm und Alpen
Heute habe ich die Ruine Balm, eine Grottenburg, in einen Überhang im Jura hineingebaut, entdeckt. Sie befindet sich bei Balm, am Fuss der Balmfluh, ca. 20m hoch in der Felswand – und ist wie ein herrlicher Balkon mit Blick auf die Alpen.  Und diese sieht man heute. Ich habe nur kein Teleobjektiv dabei.    https://de.wikipedia.org/wiki/Ruine_Balm
      


21. September: da sind sie!
Auf dem Rückweg von der Verenaschlucht, vom Schloss Waldegg aus (leider nur ein Handyfoto), im letzten Abendlicht.


13. September: Luzern und Kloster Baldegg
Heute nachmittag habe ich einen Termin mit einem der Gemeindeleiter (gleichbedeutend Pfarrer) der St. Johanneskirche in Luzern-Würzenbach, auch ein Förderer-Bau. Auf dem Weg nach Luzern mache ich Halt am Baldegger See. Ich habe beim Recherchieren entdeckt, dass es hier ein von Marcel Breuer geplantes Kloster gibt! Béton brut! Nichts wie hin….

http://schoenstebauten.heimatschutz.ch/de/kloster-baldegg
Man muss allerdings einige Hürden nehmen, die Kirche ist nicht frei zugänglich und ich kam mir plötzlich sehr weltlich vor unter den Schwestern….
Die St. Johanneskirche in Luzern-Würzenbach von Förderer (1967-70) ist direkt in den Hang gebaut, eine sehr komplexe Anlage, fast etwas labyrinthisch. Wie mir scheint, sehr belebt – der Pfarrer berichtet später, dass die Kirchenräume auch als Quartierszentrum genutzt werden und dies ineinander übergeht.
      
http://www.kathluzern.ch/tourismus/johanneskirche/rundgang.html
In der Kirche überraschen mich nachträgliche Farbgebungen der Lichtschächte, von denen ich noch nicht recht weiß, wie ich sie finde. Immerhin wirkt alles sehr lebendig. Besser anpassen als verlassen – denke ich da mit Blick nach Bern…. Auch fotografisch komme ich diesem Bau noch nicht richtig bei. Vielleicht liegt es auch mit an der Lichtsituation. Ich möchte gern einmal Vormittagssonne hier erleben.
Beim nächsten Besuch wird mich der Hausmeister auf die Balkone (die Räume hinter den Fensterschächten der Kirche, welche zugänglich sind) lassen. Darauf bin ich sehr gespannt.
Bevor ich heimfahre, will ich noch einen Abstecher zur Piuskirche in Meggen von Franz Fueg machen – ein Kirchenraum, dessen Wände aus Marmorplatten bestehen.
     

     
Kaum zu glauben, dass der Bau von 1964/66 ist, ich hätte eher auf 80er, 90er getippt. Ehrlichgesagt gruselt und fröstelt es mich aber etwas in dem völlig abgeschlossenen, fensterlosen Raum. Ist das absurd bei meinem Faible für brutalistische Beton-Materialschlachten und Förderers dunkle Innenräume? Mir gefällt die romanisch anmutende Madonna. Schmunzeln muss ich bei den offensichtlich stamm-besetzen Stühlen. Und wieso ganz licht- und fensterlos – wenn man diese Landschaft hat? 200m Luftlinie am Ufer des Vierwaldstätter Sees.           http://schoenstebauten.heimatschutz.ch/de/piuskirche
Nachtrag: erst später entdecke ich: Franz Fueg ist Solothurner und schloss sich in den 1960er-Jahren mit Alfons Barth, Hans Zaugg, Fritz Haller und Max Schlup zur so genannten Solothurner Schule zusammen. Er steht in der Nachfolge Mies van der Rohes – und war damit in dieser Zeit der  Antipode zu Förderer, der klar in der Nachfolge Le Corbusiers und des Jugendstils steht.
Hierzu ein sehr erhellender und reich bebilderter Artikel:
https://www.detail.de/artikel/st-pius-kirche-in-meggen-29/


8. September: Bern – Tiefenau, Kirchenzentrum Heiligkreuz von Walter Maria Förderer, 1967-69

        
Ich bin erstaunt, wie deutlich sich dieser Bau von den mir bisher bekannten Förderer-Kirchen in Bettlach und Chur – die gewisse Ähnlichkeiten in der Ausformung und auch von der Dimension her aufweisen, unterscheidet. Die Anlage ist deutlich kleiner. Mir gefällt dieser Maßstab gut – der Raum ist nicht so monumental, man fühlt sich geborgener. Überhaupt finde ich vor allem den Innenraum noch viel puristischer und klarer. Weniger Holz, weniger ‚Verzierung‘. Was mir sehr ins Auge springt, sind die Lichtschächte: Öffnungen im Innenraum, hinter denen mit Abstand ein Fenster ist, das man aber nicht direkt sieht – dazwischen ensteht ein ‚Kunstraum‘, der keine Funktion im Sinne von praktischer Nutzbarkeit hat, sehr wohl aber eine ästhetische. Das Licht und auch das Raumerleben bekommen eine Spielwiese. Ich fotografiere erstmals mehr im Innenraum als Aussen.

Befremdlich ist für mich zu erfahren, dass die röm.-kath. Kirche Bern dieses Gebäude vor kurzem veräussert hat und Mitte Dezember ausziehen wird. Neuer Besitzer: die rumänisch-orthodoxe Kirche. Ich frage mich, ob das wohl auch mit daran liegt, dass sich einem die Qualität dieses Gebildes erst einmal erschliessen muß. Man muss einen Sinn dafür haben. Ich kann mir vorstellen, dass anders gelagerte Menschen diesen Raum als sehr dunkel und nicht gerade freundlich empfinden werden. Und ich werde während meinem Aufenthalt, wenn ich von meinem Projekt zu Förderers Kirchen berichte, doch immer wieder gefragt: ob ich die Kirche(n) denn wirklich schön fände?

…und auf dem Rückweg: Abstecher zur Siedlung Halen der Architekten von Atelier 5
‚Die Siedlung Halen ist ein Meilenstein moderner Siedlungsarchitektur. Gebaut zwischen 1957 und 1960 von der damals neuen Architektengemeinschaft Atelier 5 verbindet sie Elemente der klassischen Moderne mit strukturellen Elementen der Berner Altstadt. Sie ist ein kleines, mitten in einem Wald gelegenes architektonisches Juwel und für rund 220 Menschen ein Zuhause. ‚
www.halen.ch

        


Ich fühle mich wie in einem Dorf – einem voll funktionierenden und lebendigen Gefüge, in dem man als Fremde und Architekturtouristin natürlich gleich auffällt.  Auf dem Platz der Anlage (es gibt einen Laden und eine Café) spielen Kinder, Bewohner sitzen gemütlich in der Sonne beisammen. Von einem Balkon beobachtet mich eine  Katze. Beim Streifen durch die Anlage habe ich am unteren Ende der Siedlung Terassenbeete entdeckt, die die Bewohner angelegt haben. Paradiesgärten! da wachsen Weintrauben, Gemüse, Tomaten, Blumen – und weiter unten fliesst die Aare. Am oberen Rand der Siedlung ist das Schwimmbad.


Bettlach – St. Klemenz, gebaut von Walter Maria Förderer (1965-69)
      

Ansicht des einen Teils des Kirchenzentrums von der Strasse her, und zwei Making-of-Bilder von mir beim Fotografieren auf dem Innenhof. Bettlach liegt 10 km von Solothurn entfernt Richtung Biel. Im August habe ich eine großartige und umfassende Führung durch den ganzen Gebäudekomplex vom dortigen Gemeindeleiter bekommen. Er hat das Amt   mittlerweile seit gut 25 Jahren inne und lebt dort – auch das Pfarrhaus ist von Förderer geplant. Das Kirchenzentrum St Klemenz umfasst neben der Kirche einen Glockenturm, darin eine Turmkapelle und einen Sitzungsraum. Einen Veranstaltungssaal mit Bühne, (nachgerüsteter) Küche, Unterrichtsräume, ursprünglich auch den Kindergarten (inzwischen zu klein und nicht mehr dort, sondern andernsorts von der Bürgerlichen Gemeinde betrieben), Luftschutzräume (war damals in der Schweiz Standard).


Wohnen und arbeiten im Alten Spital

Das Alte Spital vom gegenüberliegenden Ufer. Mein Atelier hat die beiden ersten Fenster im langen Mittelteil oben links. Die Wohnung zeigt in die andere Richtung zur Gasse dahinter. Rechts am Bildrand beginnt die Eisenbahnbrücke. Die Züge sind teils in der Wohnung am schwingenden Boden zu spüren.

Das ist der Blick aus meinem Atelier über der Aare. Hinten die Jurakette, ganz links die Wandfluh. Ja, in der Aare kann man wunderbar schwimmen! Und von der Höhe aus sieht man – bei klarem Wetter – die Alpen, ganz prominent Eiger, Mönch und Jungfrau…


das war einen Tag davor – am 25. August. Solothurn hat wohl eine ähnliche Nebelneigung wie Ulm…. und dann – sind da keine Berge!


VERENASCHLUCHT
Wo ich auch sehr gerne bin, wenn ich aus meiner eher dunklen Wohnung mal raus muss, ein besonderer und schöner Ort:  die Verenaschlucht mit der Einsiedelei.    https://www.einsiedelei.ch/
Mittlerweile habe ich auch den Eremit kennengelernt – Michael ist Schwabe und seit 10 Monaten als Einsiedler in der Schlucht ansässig. Und als Eremit von der Bürgergemeinde Solothurn angestellt. (Die Stellenausschreibung war wohl online.)
Nebst dem besonderen Kraftort der Verenakapelle gibt es auf beiden Hügeln neben der Schlucht noch viele andere schöne Plätze – auf der Martinsfluh auch einige Megalithplätze. Man findet hier  viele erratische Blöcke bzw. Findlinge, viele auch quarzhaltig, die teils wohl bis aus dem Wallis vom Rhonegletscher hierher transportiert wurden. Es gibt auch den Solthurner Megalithweg. Und das Steinmuseum – da hab ichs nur noch nicht hingeschafft….
      
Eine der Stationen auf dem Megalithweg, die ‚Schildkröte‘ aus Findlingen. Zur Vorstellung der Dimension: mein Kopf würde beim großen Stein gerade mal zur halben Höhe reichen.  Und: die Erratischen Blöcke sind auch alle ganz ordentlich als solche ausgewiesen und haben eine Plakette ‚unter staatlichem Schutz‘.

Die Einsamkeit der heiligen Verena


20. August _ ATTISHOLZ – Attisholz Areal, ehemalige Zellulose-Fabrik
        
Am 20. August, Sonntag und sehr heiß, bin ich mit meinem Artist-in-Residence-Klapprad die Aare entlang stadtauswärts gefahren, weil mich die Erzählungen vom Attisholz-Areal neugierig gemacht haben. Eine Anlage von unglaublichen Ausmassen, die letztes Jahr mit einem großen Kunstprojekt bespielt wurde – Daiber-like – nur viel, viel größer…. einige Fassaden haben mich mit ihren Fassaden und Farben gefesselt. Vor allem diese – nur immer irgendwie Vegetation davor…

      


Weissenstein und Röti
Der erste Ausflug hier – auf den ‚Hausberg‘, ich habe herausgefunden, dass das Gebäude, das ich vom Atelier aus oben auf dem Berg ausmachen kann, das Kurhaus Weissenstein ist. Nichtsahnend, dass mich eine sehr schmale und wohl (wie ich danach lese) eine der steilsten Strassen der Schweiz (bis zu 22%) erwartet, mache ich mich mit dem Caddy auf den Weg. Die Mühen lohnen sich: der große Überblick! Von der Röti sieht man bis zum Bieler See. Und auf ihr grasen glückliche Kühe. Die Alpen sind diesmal leider nicht sichtbar.
      
Zweimal Blick von der Röti – im Hintergrund: der Bieler See mit der St.Petersinsel.



Mein Klappvélo auf Zeit auf der Aarebrücke, im Hintergrund die St. Ursenkathedrale.